Wer mehr Tierwohl will, muss nachdenken, bevor er einkauft

Von der Politik wird es keine strengeren Regeln geben. Doch schon jetzt hat der Verbraucher eine große Auswahl. Er müsste sie nur nutzen.

Eigentlich sollte die Diskussion ums Tierwohl gar keine mehr sein. Denn eigentlich sind alle auf der gleichen Seite. Metzger wollen lieber Fleisch verkaufen, das aus guter Tierhaltung stammt. Landwirte wollen lieber Tiere aufziehen, denen es gut geht. Verbraucher wollen lieber Fleisch konsumieren, das Tierwohlkriterien entspricht. Jedenfalls geben das die meisten Deutschen an, wenn sie zu dem Thema befragt werden. Und dennoch fehlt seit Jahren der Durchbruch.

Den Durchblick über Tierwohl-Labels zu behalten, ist nicht leicht

Zwar haben fast alle große Supermarkt-Ketten und Discounter Klassifizierungen für ihr Fleisch eingeführt. Label, die auf den ersten Blick deutlich machen sollen, ob es einem Tier gut erging, bevor es geschlachtet wurde. Leider hat sich so auch ein gewisser Siegel-Wald entwickelt. Weil doch jeder Anbieter für jede Fleischsorte sein eigenes Konzept hat. Deshalb ruhten die Hoffnungen lange auf der Politik. Doch die kam nicht in die Gänge.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat Anfang des Jahres nun endlich ein staatliches Tierwohl-Siegel vorgestellt – es soll zunächst einmal für Schweinefleisch kommen. Seit der Vorstellung zieht das Papier seine Kreise durch die Gesetzgebung. Ab 2020 soll es die ersten Produkte im Handel geben. Klöckners Vorschlag wurde von Tier- und Verbraucherschützern heftig kritisiert. Denn die Beteiligung ist freiwillig. Und auch die Kriterien waren vielen zu lasch.

Die Kritik lässt aber einen wichtigen Punkt außen vor: die Verbraucher. Denn die geben zwar regelmäßig an, dass sie natürlich bereit wären mehr auszugeben, wenn die Tiere mehr Platz/Auslauf/Spielzeug hätten. Sie machen es aber nicht. Beim Einkaufen entscheidet nach wie vor der Preis. Das hat jüngst wieder eine Studie der Uni Osnabrück belegt. Und auch die Händler, die schon zertifiziertes Fleisch verkaufen, bemerken, dass der Kunde eher zur günstigeren – tierunfreundlicheren – Alternative greift. Von wegen Tierschutznation Deutschland also.

Nun kann man sagen: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er greift immer zu den gleichen Produkten. Wer mehr Tierwohl möchte, muss strengere Gesetze erlassen. Doch genau davor schreckt Klöckner eben zurück. Aber muss es wirklich immer erst strengere Regeln geben, bevor sich etwas tut? Schließlich hätte der Kunde ja die Wahl. Die Nachfrage fehlt aber. Für Bauern lohnt sich die Tierwohl-Rechnung also oft kaum.

Nie war es für Kunden leichter, sich zu informieren

Und so grausam es klingt, Schweine, Rinder und Geflügel werden gezüchtet, um mit ihnen Geld zu verdienen. Sie werden gezüchtet, um verkauft und geschlachtet zu werden. In der Debatte um glückliche Nutztiere geht das unter.

Alleine die Gewohnheit der Kunden kann aber nicht als Ausrede zählen. Nie war es schließlich leichter, sich über die verschiedenen Haltungsbedingungen zu informieren. Wer wissen möchte, was er da genau kauft, kann sich trotz der Vielzahl an Siegeln einen Überblick verschaffen und eine bewusste Kaufentscheidung fällen. Ja, das kostet Zeit. Ja, das ist anstrengend. Aber wenn Tierwohl den Verbrauchern doch angeblich so viel wert ist, könnten sie die Zeit ja investieren. Kurz darüber nachdenken, ob 100 Gramm Minutensteak für 55 Cent wirklich qualitativ hochwertig sein können. Ob es dem Schwein wohl gut ging. Können sie beide Fragen mit Ja beantworten, können sie guten Gewissens wieder in ihre Einkaufs-Routinen zurückfallen. Wenn nicht, müssen sie eben umdenken.

Wird das Essen dann nicht viel zu teuer? Naja. Auch Gemüse macht satt. Deshalb muss nicht jeder Vegetarier werden. Aber ums Nachdenken kommt wohl keiner herum